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Helene Karmasin
Die geheime Botschaft unserer Speisen
Was Essen über uns aussagt
Verlag Antje Kunstmann,
ISBN 3-88897-215-9, DM 39,80
Leseprobe: S. 9 - 21
»Wie
haben Sie das nur gemacht? Falls Ihr Chef das fragt, müssen
Sie nicht verraten, daß Wolfram Siebeck Ihnen beim Kochen
geholfen hat. Mit Hühnerflan, Seeforelle und Spinatgratin
sind Sie für hohen Besuch bestens gerüstet.«
Mit dieser Überschrift leitete die ZEIT im Juli/August
1998 eine zehnteilige Serie über Kochen für schwierige
Gäste ein. Ich zitiere noch ein Stückchen aus dem
Dialog zwischen einem Mann, dessen Chef zum Essen erwartet wird,
und seiner Frau aus der ersten Serie.
Originalton Siebeck:
»Die stolze Freude des Mannes, der seinen Chef zum Abendessen
eingeladen hat, wird von der Hausfrau selten geteilt.
Er hat doch Geld genug, warum geht er nicht ins
Restaurant?
Begreifst du nicht, daß das für uns eine Chance
ist? Deine Kochkünste werden ihn beeindrucken!
Und was habe ich davon? Nur Arbeit und Kosten!
Wer weiß, wozu es gut ist. Was wirst du kochen?
Dein Hummerragout?
Damit er denkt, es ginge uns zu gut? Nein, eher Linsensuppe.
Ah, komm! Mach einen Lammrücken, das sieht normal
aus und ist hochkulinarisch.
Lamm kriege ich erst zum Wochenende. Aber der Fischhändler
kommt morgen ins Dorf.«
Die Diskussion über das passende Menü hält an.
Siebeck fährt fort: »Hier ist eine Version, die einen
Chef beeindrucken kann, ohne ihn mißtrauisch zu machen.«
Dieses Minidrama führt uns auf das Thema dieses Buchs:
Die Küche als Kommunikationssystem. Vordergründig
handelt es sich bei der oben geschilderten Konversation um die
simple Frage: Was kochen wir zu einem bestimmten Anlaß?
Dahinter aber erscheint ein kompliziertes Geflecht von menschlichen
Beziehungen und Botschaften: Es geht darum, eine Mahlzeit zu
gestalten, und das heißt nicht nur zu kochen, sondern
eine Gemeinschaft, eine Tischgemeinschaft zu etablieren. Es
geht um Prestige, um Lob, um Beeindrucken, um die Erfüllung
weiblicher Pflichten, um die Rollen von Gast und Gastgeber,
um die Gestaltung der richtigen Botschaft, die man durch das
Essen vermittelt.
Ausschlaggebend für das Essen, das der Gast schließlich
erhält, sind nicht der Geschmack der Gastgeber oder der
Preis oder gesundheitliche Überlegungen, sondern vielmehr
eine bestimmte Wirkung:
Es beeindruckt, macht aber nicht mißtrauisch.
Ist es nicht erstaunlich, daß simple Nahrungsmittel solche
Wirkungen erzielen können, sofern man sie nur richtig aussucht
und kombiniert? Hummerragout und Linsensuppe stellen falsche
Nachrichten dar und führen zu problematischen Wirkungen:
Hummerragout beeindruckt, macht aber mißtrauisch, Linsensuppe
beeindruckt nicht, aber sie macht eigentlich auch mißtrauisch:
Versteht der Gastgeber denn wirklich so wenig von feinem Essen,
oder scheut er die Ausgabe oder möchte er dem Chef damit
sagen: So schlecht werde ich von Ihnen bezahlt? Der Lammrücken
ist genau richtig, unter allen Speisen, die man wählen
könnte, ist er mit der richtigen Botschaft verknüpft
eine bessere noch als Seeforelle, würde ich meinen,
aber darüber läßt sich diskutieren.
Wir treffen hier auf die beiden Themen, um die es in diesem
Buch geht: Essen, Ernährung, Küche sind eng in das
persönliche und soziale Leben von Menschen einbezogen,
und sie haben vielfältige kommunikative und symbolische
Aspekte. Wir setzen sie ein, um Beziehungen anzuknüpfen
oder zu stabilisieren, um andere zu beeinflussen, um ihnen Respekt
und Liebe zu bezeugen, um auszudrücken, wer wir sind und
wer wir ganz bestimmt nicht sind, um das Festliche vom Profanen
abzusetzen, um Menschen in unsere Gemeinschaft einzubeziehen
oder sie auszugrenzen, um uns zu trösten und aufzubauen.
»Nahrung ist Prestige, Status und Reichtum ..., sie ist
ein Kommunikationsmittel und ein Mittel, um Beziehungen zu gestalten
..., sie ist ein Ausdruck von Gastfreundschaft, Freundschaft,
Zuneigung, guter Nachbarschaft, Wohlbehagen und Trost in Zeiten
von Traurigkeit und Gefahr. Sie symbolisiert Stärke, athletische
Kraft, Gesundheit und Erfolg. Sie ist ein Mittel, um Lust zu
spenden, Selbstverwöhnung, um Streß zu reduzieren.
Sie steht für Feste, Zeremonien, Rituale, besondere Tage,
nostalgische Sehnsucht nach der Familie, dem Heim, den guten
alten Tagen. Sie ist ein Ausdruck von Individualität
und Raffinesse, ein Mittel, um sich selbst zu verwirklichen
oder zu protestieren ..., es gibt Sonntagsspeisen und Alltagspeisen,
Speisen mit magischen Eigenschaften, Gesundheits- und Krankheitspeisen.
Zu einem großen Teil ist sie Tradition, Gewohnheit, Sicherheit.
Unterschiedliche Nahrungsmittel befriedigen in unterschiedlichen
Kulturen diese Bedürfnisse und Überzeugungen von Menschen.«
Wir wählen und kombinieren Nahrungsmittel so, daß
sie diese Botschaften und Bedeutungen vermitteln können.
Wir setzen die Küche also in der Art einer Sprache ein,
als ein Kommunikations- und Zeichensystem, das wir benutzen,
um Botschaften auszutauschen. Um die Beschreibung dieses Kommunikationssystems
geht es in diesem Buch.
Eine Gesellschaft kennt viele Systeme dieser Art. Das leistungsfähigste
System ist die natürliche Sprache in gesprochener oder
geschriebener Form, die auf Worten, Lauten und Schriftzeichen
basiert. Sie ist aber bei weitem nicht das einzige System. Wir
vermitteln Bedeutungen auch anhand von Bildern, Musik, Farben,
Düften, Kleidern, Möbeln, Autos, Schmuck, Häusern,
den Objekten und Marken unserer Produktkultur.
Der Chef, der in dem eingangs angeführten Beispiel seinen
Mitarbeiter zum Abendessen besucht, wird eine Vielzahl von Schlüssen
ziehen: Wie ist das Vorzimmer eingerichtet? Welches Service
wird verwendet? Welche Bilder hängen an der Wand? Welche
Musik wird gespielt? Welche Kleider, welchen Schmuck trägt
die Hausfrau? Worüber wird bei Tisch gesprochen? Welche
Mineralwassermarke wird ausgeschenkt? Wenn er zu dem Schluß
kommt, daß sein Gastgeber ein unangenehmer Protzer oder
ein kleinbürgerlicher Spießbürger ist, den er
besser nicht im Kundenkontakt einsetzen sollte, so wird er nicht
die Regeln angeben können, die ihn zu diesem Schluß
geführt haben, aber er wird ganz sicher in seinem Urteil
sein. Und ebenso der Gastgeber: Er hat die Bilder an seiner
Wand nicht ausgesucht, um den Eindruck zu erzeugen: »Ich
bin ein Spießbürger«, sondern weil er sie sehr
hübsch und geschmackvoll gefunden hat, und doch hat er
vielleicht genau dies ausgedrückt.
Systeme
dieser Art sind deshalb faszinierend, weil sie, ob man das beabsichtigt
oder nicht, mit großer Sicherheit Bedeutungen transportieren,
aus denen sich wiederum soziale Konsequenzen ergeben. Bedeutungsvermittelnde
Systeme, Sprachen, Codes, welche Bezeichnung wir auch wählen
wollen, sind jedoch noch aus einem zweiten Grund interessant:
In ihnen wird unmittelbar deutlich, wie eine Kultur bzw. wie
unsere Kultur funktioniert. Die Botschaften, die in diesen Systemen
formuliert werden, sagen auch etwas darüber aus, wie wir
uns die grundsätzliche Ordnung in unserer Gesellschaft
denken, wie sie aufgebaut und strukturiert sein soll, was wir
als natürlich, als gerecht, als hochrangig, als wünschenswert
betrachten.
Das kulinarische System, unsere Küche, wird selten unter
diesem Gesichtspunkt betrachtet. Auf der einen Seite scheint
sie nicht besonders bemerkenswert; wir kennen sie, sie ist uns
vertraut, wir handhaben sie ganz automatisch; auf der anderen
Seite denken wir, daß sie etwas ganz Subjektives ist:
Der eine mag das und der andere jenes sollte es hier
wirklich Regeln geben?
Auch der öffentliche Diskurs über Ernährung wendet
sich anderen Themen zu. Mediziner und Gesundheitsgurus fragen:
Wie können wir uns gesünder ernähren? Kochbücher
und Kochsendungen: Wie können wir noch raffinierter kochen?
Der Diätmarkt: Wie können wir abnehmen? Werbung und
Produkthersteller: Welche Produkte können wir noch in die
opulent gefüllten Regale der Supermärkte stellen?
Nur die Werbung für industriell erzeugte Produkte ist gezwungen,
sich den symbolischen und kommunikativen Aspekten von Ernährung
zuzuwenden, anders könnte sie Menschen nicht dazu verlocken,
sich diese Angebote näher anzusehen. Viele unserer Beispiele
werden daher aus diesem Bereich stammen. Die anderen Diskurse
blenden diese Aspekte dagegen fast völlig aus: Sie appellieren
an unsere Vernunft, oder sie sehen den Menschen als ein giergeleitetes
Individuum, das man durch Diäten zwingen muß, Buße
zu tun kein Wunder, daß der Erfolg meist zu wünschen
übrig läßt.
Ich möchte im folgenden zunächst darlegen, welche
Bedeutungen die einzelnen Nahrungsmittel, Kochmethoden und Bestandteile
einer Mahlzeit haben, dann, im Teil B, welche Küchenstile
es gibt und was die Unterschiede bedeuten, und im letzten Teil,
wie der Markt mit Ernährung und Küche umgeht und was
wir daraus für unsere Gesellschaft schließen können.
Die Beispiele, die ich zitiere, stammen aus der Beobachtung
unserer Alltagskultur, aus dem Bereich der Produktwerbung und
den Befunden der Ethnologie, die die Bedeutung des Essens in
verschiedensten Gesellschaften unterschiedlichsten Entwicklungsstands
untersucht hat es ist immer nützlich, zu sehen,
daß das, was wir als »normal« und natürlich
betrachten, nur unter den Voraussetzungen unserer Gesellschaft
so erscheint.
DIE KÜCHE
ALS KOMMUNIKATIONSSYSTEM
Ein kleiner
Exkurs:
Sind wir alle Opfer der dummen Werbung?
Wenn ich
im folgenden viele meiner Behauptungen mit Beispielen aus der
Werbung und dem Gebiet der Konsumgüter belege, betrete
ich vermintes Terrain: Die einen finden unsere derzeitige Form
des Konsums unakzeptabel, und zwar sowohl das Ausmaß,
in dem wir Konsum in unser Leben einfließen lassen, wie
einzelne Produkte und die Botschaften der Werbung; die anderen
geben zwar zu, daß wir teilweise Unsinniges oder Geschmackloses
produzieren, sie verteidigen unsere Konsumkultur jedoch: Noch
nie hatten wir so viele Wahlmöglichkeiten, noch nie konnten
wir unsere privaten Lebensweisen so frei gestalten.
Es gibt gute Gründe für die eine wie die andere Haltung
je nachdem, wie man sich das Zusammenleben von Menschen
in einer Gesellschaft denkt. In einer lebendigen Gemeinschaft
vertreten unterschiedliche soziale Gruppen auch andere Meinungen,
etwa über das Verhältnis von materiellen und immateriellen
Werten, von Gleichheit und Hierarchie sowie die Frage, in welchem
Maß sie Kontrolle und Regeln akzeptieren oder nicht.
Fest steht jedenfalls, daß wir in unserer westlichen Industriegesellschaft
in unserem gesamten Alltagsleben von einer Fülle von Produkten
und Waren umgeben sind, daß wir den Bereich des Konsums
also in keinem Fall ausblenden können dies gilt
in hohem Maß auch für den Bereich der Ernährung.
Konsum ist nun aber ein komplexes Phänomen, Konsum hat
nicht nur ökonomische, sondern auch psychologische, soziologische,
kulturelle und symbolische Aspekte. Die Interpretation, daß
Menschen Produkte nur nach strikt ökonomischen Überlegungen
auswählen, greift ebenso zu kurz wie die Ansicht, daß
Menschen durch Werbung verführt werden, sich Produkte zu
wünschen, die nicht ihren wahren Bedürfnissen entsprechen,
oder daß Produkte als Ersatzbefriedigung für Wünsche
dienen, die in der Realität nicht zu erfüllen sind.
Konsum im
20. Jahrhundert ist im Kern ein kulturelles Projekt. Konsumgüter
sind nützlich oder sie scheinen uns nützlich, aber
sie dienen auch dazu, uns Identität zu geben, unsere soziale
und weltanschauliche Position zu unterstreichen, Menschen in
unsere Gemeinschaft einzubeziehen und andere auszuschließen,
Anerkennung zu finden, Unterschiede zu dokumentieren, kulturelle
Ideale sichtbar zu machen: Mutterliebe, Heimat, Familie, den
Sieg der Wissenschaft über die Natur, Zukunft, etc. Sie
stellen also Zeichen und Botschaften dar, die die Werbung verstärkt
und dadurch sichtbar macht.
Um zu verstehen, wie wir in unserer Kultur über Ernährung
denken, müssen wir uns deshalb ansehen, wie Werbung mit
Ernährung umgeht.
Werbung kann sich ja nur auf das stützen, was wir als wünschenswert
und attraktiv ansehen, sie trifft aber natürlich eine Auswähl,
und sie stellt uns diese Konzeptionen des Wünschenswerten
immer wieder in den Zeichenwelten vor Augen, die sie mit Produkten
verbindet. Ich möchte Konsumgüter und Werbung also
nicht bewerten, sondern im Hinblick darauf analysieren, welche
Mechanismen unserer Kultur in ihnen deutlich werden und was
sie über das Zusammenleben von Menschen in unserer Gesellschaft
aussagen. Sie sind eine Fundgrube für die symbolischen,
ästhetischen, moralischen Funktionen von Produkten und
Nahrungsmitteln.
Zu meinen eigenen Ergebnissen bin ich über empirische Untersuchungen
und semiotische und kulturanthropologische Analysen gekommen.
Diese Untersuchungen und Analysen wurden entweder für industrielle
Hersteller und Werbungsagenturen durchgeführt, oder sie
folgten wissenschaftlichen Fragestellungen, wie sie sich im
Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der Universität ergaben.
Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um qualitative Untersuchungen,
die auf Gesprächen mit Konsumenten beruhen.
Die wissenschaftlichen Disziplinen, die ich zugrunde lege, sind
Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Semiotik. Meine Sicht insbesondere
der Konsumkultur stützt sich auf eine Reihe von Autoren:
Mary Douglas, Baudrillard, Bourdieu, Sahlins, um die wichtigsten
zu nennen. Dazu ein Zitat von Baudrillard: »Konsum ist
ein System, das eine Ordnung von Zeichen und eine Integration
in Gruppen sicherstellt: sie ist daher eine Moralität (ein
System ideologischer Werte) und ein Kommunikationssystem, ein
Tauschsystem. ... Konsum betrifft nie die Einzelperson allein
(dies ist vielmehr die Illusion des Konsumenten, die nachdrücklich
von dem gesamten ideologischen Diskurs über Konsum aufrechterhalten
wird). Man betritt vielmehr ein allgemeines Tauschsystem und
ein Codesystem, in dem alle Konsumenten mit allen anderen Konsumenten
interagieren. In diesem Sinn ist Konsum ein geordnetes System
von Bedeutungen wie eine Sprache oder wie das Verwandtschaftssystem
in der Stammmesgesellschaft.«
Die Botschaften
der Küche
Wann haben
wir eigentlich den Eindruck: »Das ist ein wirklich gutes
Essen?« Wenn es uns gut schmeckt, würden die meisten
Menschen sagen. Sie haben damit natürlich nicht unrecht,
aber die Frage ist nicht ganz beantwortet: Es ist nicht der
Geschmack allein, der ein Essen zu einem guten Essen macht.
Zunächst ist ja Geschmack selbst schon ein erstaunliches
Phänomen. Wir kennen natürlich individuelle Geschmacksunterschiede:
Der eine mag Spinat, der andere nicht, aber es gibt auch einen
sehr beständigen kollektiven Geschmack. Wenn wir die einzelnen
nationalen und regionalen Küchen vergleichen, so stellen
wir fest, daß alle Angehörigen einer Gesellschaft
bestimmte Nahrungsmittel und Zusammenstellungen sehr schätzen
und die Geschmacksvorlieben anderer Gruppen unverständlich
finden: Wir lieben unsere Art der Gemüsezubereitung und
schauen auf die in Salzwasser schwimmenden Gemüse der Engländer
mitleidig herunter, Labskaus finden die Schleswig-Holsteiner
ganz vorzüglich, die Süddeutschen schütteln sich
vor Grausen. Ähnliches zeigt sich bei altersspezifischen
und sozialen Küchen: Ältere Leute verabscheuen die
Lieblingsspeise von Kindern und Jugendlichen, Pommes mit Mayo
und Ketchup; einfache Leute sind selten Liebhaber von Sushi
und Sashimi.
Und es zählt auch nicht der Geschmack allein. Ein gutes
Essen muß »richtig« in einem ganz umfassenden
Sinn sein: richtig zusammengestellt, richtig serviert, passend
für einen Anlaß und für die jeweiligen Essensteilnehmer.
Bratwurst mit Sauerkraut ist ein ganz vorzügliches Gericht;
anstelle von Kaffee und Gebäck bei einer geschäftlichen
Besprechung in einer Bank serviert, würde es befremdlich
wirken. Neben dem scheinbar ganz individuellen Geschmack gibt
es also ein Geflecht von Regeln, das wir beachten, ohne es explizit
zu kennen.
Der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss hat diesen
Sachverhalt in einem berühmten Satz ausgedrückt: »good
to think good to eat gut zu denken, gut zu essen.«
Gut zu essen heißt in seinem Sinn, daß ein Essen
dann als befriedigend empfunden wird, wenn es in der Ordnung
einer jeweiligen Kultur angemessen und richtig ist.
In jedem Essen spiegelt sich wider, was eine Gesellschaft getrennt
und vereint sehen möchte, wie sie Männer und Frauen,
Obere und Untere, Natur und Kultur voneinander abhebt, wo sie
Grenzen zieht, welche Ideale sie verteidigt. Claude Levi-Strauss
erläutert diesen Sachverhalt in seinem Werk: »Das
Rohe und das Gekochte«, das die Verbindungen zwischen
den kulinarischen Praktiken der südamerikanischen Indianer
und ihren Mythologien beschreibt. Auch die englische Anthropologin
Mary Douglas erhellt in brillanten Analysen den Sinn von Speisevorschriften
und Speisetabus im Zusammenhang mit dem sozialen Leben der jeweiligen
Gesellschaft. Am bekanntesten ist ihre Analyse der jüdischen
Speisegebote.
Nun sind die meisten Menschen bereit, südamerikanischen
Indianern oder Juden Speisevorschriften zuzugestehen, in denen
ideologische Ordnungsvorschriften zum Ausdruck gebracht werden.
Sie würden sich jedoch weigern anzunehmen, daß auch
wir bis in die Regale unserer Supermärkte und bis in den
Aufbau von Werbespots hinein ideologische Ordnungsvorschriften
anwenden, und daß auch wir in unserer zeitgenössischen
Eßkultur Nahrungsmittel schätzen oder verabscheuen,
weil sie bestimmte kulturelle Ideale verteidigen oder angreifen.
(Bedroht Conveniencefood die Familie?)
Der kulinarische
Code
Wenden wir
uns jetzt dem kulinarischen Code im engeren Sinn zu, und zwar
seinen technischen Voraussetzungen: Wie ist eine solche »Sprache«
konstruiert? Wie ist es möglich, daß Lammrücken
in einem bestimmten Kontext als das einzig hochkulinarische
und gleichzeitig normale Gericht erscheint? Haben das die betroffenen
Personen irgendwie gelernt? Verfügen sie über Listen,
die ihnen sagen: Lammrücken bedeutet..., Linsensuppe bedeutet...,
Kohlrabi bedeutet..., etc.? Das wäre eine etwas aufwendige
Methode, und so verfahren wir nicht.
Wenn Menschen miteinander kommunizieren wollen, das heißt
Bedeutungen vermitteln möchten, so brauchen sie dazu ein
geordnetes System von Zeichen. Es ist unerläßlich,
daß die Regeln dieses Systems von allen Teilnehmern anerkannt
werden, sonst wäre jede Kommunikation unmöglich: Wir
könnten nicht mehr Auto fahren, wenn der eine unter rot
bei der Ampel versteht »anfahren« und der andere
»stehen bleiben«, und wären hochgradig irritiert,
wenn der eine unter einer Latzhose ein nettes Kleidungsstück
für die Freizeit verstünde und der andere ein hochoffizielles
Kleidungsstück, das er zur Premiere in der Staatsoper anzieht.
Wir können bestimmte grundsätzliche Regelungen und
Bedeutungen nicht ändern, Systeme dieser Art, Sprachen,
haben also eine relativ hohe Verbindlichkeit für uns. Bewußt
werden uns diese Regeln im allgemeinen dann, wenn sie durchbrochen
werden, wenn also ein Fehler auftritt.
Sprachen bzw. Zeichensysteme sind hoch leistungsfähige
Systeme, die sehr ökonomisch vorgehen, sie verwenden ein
Minimum an Input, um ein Maximum an Output zu erzielen. Eine
natürliche Sprache wie das Deutsche, Englische, Französische
etc., unser Zeichensystem par excellence, gebraucht als Input
die 32 Buchstaben des Alphabets und liefert als Output die Unzahl
von Sätzen, die jemals im Deutschen, Englischen, Französischen
geäußert worden sind. Dabei müssen wir nicht
die Bedeutung von Einzelzeichen lernen, sondern die Zeichen
sind so geordnet, daß sich aus der Bedeutung des einen
gleichzeitig die Bedeutung des anderen ergibt.
Die Bedeutung von warm ergibt sich aus dem, was es nicht ist,
nämlich kalt. Die einfachste Ordnung, in der sich zwei
Zeichen befinden können, ist die des Gegensatzes, der Opposition.
Bei unserem kulinarischen Code ist etwa Fleisch/Nicht-Fleisch
so ein relevanter Gegensatz, ebenso aber warm/kalt, trocken/feucht,
hart/weich, süß/ sauer.
Eine weitere grundlegende Ordnungsbeziehung ist die der Äquivalenz:
Zwei Zeichen werden als gleich in ihrer Bedeutung betrachtet,
sauber ist gleich rein, Lammrücken ist gleich Seeforelle
im Sinn einer richtigen Hauptspeise.
Doch schauen wir uns noch einmal kurz an, was der Begriff »Zeichen«
eigentlich bedeutet. Ein Zeichen besteht aus einer materiellen
Basis, also aus etwas, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen
können, und aus einer Bedeutung, die per Konvention damit
verbunden wird. Diese Bedeutung muß man lernen. Wenn wir
also jemandem etwas mitteilen wollen, so brauchen wir dazu eine
materiell beobachtbare Basis, ein Zeichen, dessen Bedeutung
beide Gesprächspartner kennen.
Nehmen wir an, ein Mann steht vor einem Haus, von dem er weiß,
daß sich hinter der Gartentür ein äußerst
bissiger Hund befindet. Er sieht einen anderen Mann, der sich
der Gartentür nähert mit der offensichtlichen Absicht,
das Tor zu öffnen. Er möchte den Mann vor dem Hund
warnen. Er möchte ihm sagen: Achtung, Hund! Dazu muß
er mindestens ein Zeichen für Hund benützen.
Dies kann aus verschiedenen Repertoires stammen. Er kann sagen
H u n d, er benutzt also die akustische Folge von Buchstaben,
die bei uns das Wort Hund ergeben, oder es schreibt es schnell
auf ein Schild, also ein Schriftcode, oder er malt einen Hund,
einen visuellen Code, oder er ahmt das Bellen nach, einen akustischen
Code, oder er läßt sich auf alle viere nieder und
imitiert einen Hund, er benutzt also einen gestisch-mimischen
Code. Das einzige, was er nicht machen kann, wenn seine Kommunikation
glücken soll: Er denkt angestrengt Hund! Hund!, übersetzt
dies aber nicht in ein materielles Zeichen.
Um Bedeutungen
zu vermitteln, brauchen wir also materielle Zeichen. Wir müssen
aber auch wissen, was diese Zeichen bedeuten, und wir müssen
uns darauf verlassen können, daß dies alle anderen
auch wissen. Wenn der Mann, der sich nähert, z.B. ein Chinese
ist, der nicht deutsch spricht, hat es wenig Sinn, laut Hund
zu rufen. Ebenso: wenn sich jemand darauf versteift, zu dem
Tier, das wir in unserer Sprachgemeinschaft mit Hund bezeichnen,
immer Kanarienvogel zu sagen, wenn er also einen Dackel, der
mit seinem Herrchen spazieren geht, mit den Worten kommentiert:
Schau, was für ein lieber Kanarienvogel, und an seinem
Zaun ein Schild anbringt: Achtung, bissiger Kanarienvogel! werden
wir aufhören, mit ihm zu sprechen er ärgert
uns , wir schließen ihn aus unserer Sprachgemeinschaft,
und das heißt auch immer Gemeinschaft, aus. Das würden
wir auch mit einer Hausfrau tun, die ihren Gästen ständig
Speisefolgen wie Vanillepudding mit Himbeersoße
Matjeshering Kaffee und Kuchen als Menü serviert
alles sehr köstlich im einzelnen vielleicht, aber
beleidigend falsch in der Kombination.
Jeder Code muß festsetzen:
Welche Bedeutung haben die einzelnen Zeichen dieses Codes? (Die
Semantik)
Wie können sie kombiniert werden? (Die Syntax)
Wie ist der soziale Kontext des Zeichensystems? (Die Pragmatik)
Nehmen wir als Beispiel eines einfachen Codes die Verkehrsampel.
Dieser Code besteht aus drei Zeichen, den farbigen Lampen: rot,
gelb, grün.
Die Bedeutung dieser Zeichen ist: rot = stehenbleiben, gelb
= warten, grün = fahren.
Zulässig sind die Kombinationen: rot, gelb, grün,
oder grün, gelb, rot aber nicht rot, grün, gelb.
In dem sozialen Universum, in dem dieser Code funktioniert,
müssen mindestens drei Bedingungen vorausgesetzt werden:
Menschen können leicht Farben unterscheiden.
Alle Teilnehmer an dem System Verkehr kennen die Bedeutungen
der Farben im Verkehr.
Wir können uns darauf verlassen, daß sie sich nach
diesen Bedeutungen verhalten.
Wenn diese Bedingungen verletzt werden, können wir das
System Verkehr nicht mehr aufrechterhalten. Da dies für
uns ein sehr wichtiges System ist, stellen wir sein Funktionieren
institutionell sicher: Wir prüfen Leute in der Führerscheinprüfung
über ihr Wissen, und wir erzwingen durch die Institution
der Verkehrspolizei, daß jeder die Bedeutungen in Verhalten
umsetzt. Wir akzeptieren also nicht, daß jemand behauptet:
Rot hat für mich die Bedeutung los!, und daher presche
ich immer bei rot über die Kreuzung. Eine solche Person
schließen wir mit Recht von dem System Verkehr aus: Sie
handhabt die Bedeutungen nicht korrekt.
Jedes bedeutungsvermittelnde System funktioniert so: Es benützt
zur Bedeutungsvermittlung Zeichen, d.h. etwas Materielles, etwas,
das wir sehen, hören, riechen, fühlen können,
und es stattet dieses materielle Objekt mit einer Bedeutung
aus. Diese Bedeutung ist per Konvention hinzugefügt, man
muß sie kennen und lernen, sie gilt nur in der Gemeinschaft
der Zeichenbenützer. In dieser aber ist sie zwingend, sie
kann vom einzelnen nicht willkürlich verändert werden,
ohne das Funktionieren des ganzen Systems in Frage zu stellen.
So funktioniert Sprache, so funktioniert das Zeichensystem des
Geldes, und so funktioniert eben auch der kulinarische Code,
wenn auch natürlich nicht mit der Rigidität des Verkehrscodes.
Der kulinarische Code besitzt noch eine weitere Besonderheit:
Seine Zeichenträger, die Nahrungsmittel und Speisen, bringen
unmittelbar Unterschiede zum Ausdruck, die wir auch in der sozialen
Welt als Unterschiede definieren. Natürliche Sprachen ordnen
ihren materiellen Zeichenträgern, den Lauten oder Buchstaben,
in willkürlicher Weise Bedeutungen zu. Es gibt keinen Grund,
der gerade den Buchstaben n im Deutschen dazu befähigt,
bei bestimmten Worten als Zeichen für Mehrzahl zu gelten
(Fichte/Fichten), im Englischen ist dies das s. Bei anderen
Zeichensystemen, so z.B. dem Kleidercode und den kulinarischen
Codes, entsprechen die Zeichen unseren sozialen Konzepten: Die
Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Kleidern,
aber auch die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen
Speisen bringen zum Ausdruck, was wir unter einer Frau und einem
Mann verstehen. Für Frauen etwa sind fließende, leichte
Stoffe in babyhaften Farben und Kleider, die Teile des Körpers
freilassen, erlaubt, für Männer nicht.
Wie wir noch sehen weden, ist »richtige« männliche
Nahrung energiereich, eher fleischorientiert, eher fest, weibliche
Nahrung dagegen leichter, pflanzlich orientiert, süßer.
In beiden Fällen wird eine bestimmte ideologisch vorgeformte
Vorstellung von Männern und Frauen zum Ausdruck gebracht:
Frauen gelten als vernaschter, kindlicher, weicher und weniger
mit Energie geladen.
©
Copyright Antje Kunstmann
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