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Brot entwickeln?
Lebensmittelhersteller brauchen neue, ganzheitliche Wege
Die meisten Lebensmittel werden heute in verarbeiteter Form
gegessen. Die Arbeitsteilung in der Gesellschaft macht weder
vor dem privaten Haushalt noch vor der Gastronomie halt. Die
meisten Menschen haben heute keine "Zeit" mehr, aufwendig Lebensmittelrohwaren
aufzuarbeiten und gekonnt zuzubereiten. Da ist der Griff zu
der Tüte DEMETER- Pommes einfacher und Spiegel der Zeitrealität,
der sich niemand wirklich entziehen kann und muss.
Die Öko-Branche steht heute vor der Aufgabe, das Thema "Ökologische
Verarbeitung von Lebensmitteln" neu zu definieren. Im Moment
lebt die Branche noch von gedanklichen Auslaufmodellen. Die
Vollwertigkeit der Produkte ist zunehmend in Frage gestellt
und viele Hersteller gehen freizügiger mit Zusatzstoffen um.
Neue Hersteller im ökonomisch reifen Markt üben einen Druck
auf den Gesetzgeber und die Verbände aus. Aufgefangen werden
kann diese Situation nur durch Begeisterung an neuen Ideen und
Ansätzen, die inhaltlich in der Verarbeitung umgesetzt werden
und die Menschen berühren. Zukunft wird gestaltet und nicht
verteidigt!
Das DEMETER Leitbild für Lebensmittel (1)
ist ein Versuch, einen solchen Ausblick zu geben. Neu geschöpft
wird hier der Begriff "entwickelnde Verarbeitung": "Es
sollen Verarbeitungsmethoden gewählt bzw. entwickelt werden,
die Lebensmittel gemäß ihrer Eigenarten für den Menschen zugänglich
machen und die Lebenskräfte der Lebensmittel erhalten oder möglichst
fördern (entwickelnde Verarbeitung)"
Weiter im Text werden Hinweise gegeben, was Prämissen einer
solchen "Entwicklung" sein sollen.
"Das Ziel der Verarbeitung zu DEMETER Lebensmittel ist es,
die ursprünglichen Eigenschaften und Qualitäten zu erhalten
oder im Sinne einer Veredelung zu entwickeln. Neue DEMETER Lebensmittel
sind das Resultat eines Gestaltungs- und Kombinationsprozesses
der ursprünglich in den Lebensmitteln vorhandenen Eigenschaften.
Die Produktgestaltung von Demeter Lebensmitteln soll am anthroposophischen
Menschen- und Weltbild orientiert sein und in diesem Sinne einen
Beitrag zur Weiterentwicklung der Menschen leisten"
Das heißt natürlich nicht, dass nur der anthroposophisch gebildete
Mensch sich dem Thema "entwickelnde Verarbeitung" widmen
kann. Gerade der Praktiker in der Lebensmittelverarbeitung hat
die Chance, intuitiv den richtigen Weg einzuschlagen. Die Auseinandersetzung
mit dem Rohstoff und den konkreten Prozessen kann dem, der sich
darauf einlässt, bereits ein guter Weg sein. Erlebbare Beispiele
hierfür sind viele ausgezeichnete Produkte, die meist aus handwerklicher
Herstellung stammen.
Doch was heißt das konkret, "entwickelnde Verarbeitung"? Wer
entwickelt da was für wen? Am Beispiel der Herstellung von Brot
soll verdeutlicht werden, was gemeint ist.
Der Demeter- Bäcker Konstantin Meßmer formuliert es so: "Brot
backen kann in Fortführung des Fruchtbildungsprozesses als Erzeugung
einer Kultur"frucht" betrachtet werden" (2).
Der entscheidende Punkt ist damit schon angesprochen. Wie muß
sich Mensch in den Werdeprozess einbringen, damit etwas "entwickelt"
wird. Letzteres kann im Sinne von "weitergebracht" und "fortgeführt"
verstanden werden.
Die folgenden Aspekte sind meiner Erfahrung nach wesentlich
in Bezug auf die Entwicklung eines "Lebensmittels":
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Im System arbeiten
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Integrität wahren
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Individualisierung anlegen
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Kulturelle Funktion beachten |
(3)
Diese werden nun auf das Beispiel der Herstellung eines Brotes
angewendet.
Der Bäcker arbeitet mit Wasser, Salz, Getreide, Mikroorganismen,
Zeit, mechanischer Energie und Wärme. Diese Zutaten werden aber
nicht bloß irgendwie zusammen gemischt und dann entsteht ein
Brot. Vielmehr werden diese in ganz bestimmter Reihenfolge kombiniert
und über verschiedene Stufen unterschiedlich lange und bei unterschiedlicher
Temperatur und Zusammensetzung durch die Mikroorganismen zu
etwas primitiv Lebendigem erhoben. Dessen Lebendigkeit wird
modelliert. Aus diesen Vorbereitungen entsteht die eigentliche
Zutat z.B. der Sauerteig. Diese "neue", primitiv lebendige Zutat
wird dann, mit neuem Mehl und Salz durchmischt und geknetet.
Im nächsten Schritt wird das Produkt geformt und nach erneuter
Stehzeit, d.h. Zeit zur Ausprägung des primitiv lebendigen,
bei hoher Temperatur gebacken. Die Lebensprozesse werden durch
Hitze abgetötet! Dies ist die Grundgeste jeglicher Brotbereitung.
In hervorragender Weise sind die obigen Grundsätze abzulesen.
Das Lebensmittel Getreide in der Darreichungsform als Schrot
oder Mehl ist normalerweise selbst "fähig", mit seinen Umweltbedingungen
die notwendige Gärung einzuleiten. Kulturen und genaue Führungsparameter
sind nicht Initiator der Entwicklung, sondern modellieren diese.
Das ist Entwicklung im System Getreide. Gleichzeitig wird durch
diese Prozessanlage auch die Integrität des Kornes gewahrt.
Die in dem Korn angelegten Fähigkeiten werden über den Prozess
der Auflösung durch das Mahlen und die Mehlbearbeitung verwandelt
und bestimmen dennoch in "neuen Form" den darauf folgenden Ablauf.
Das, was das Brot nachher ist, ist das verwandelte und in eine
neue Gestalt und Ausdruck gebrachte Korn.
Durch die Verlebendigung im Teigbereitungsprozess kann jede
Teigcharge und letztendlich jedes Brot in gewisser Weise ein
eigenes Profil, eine eigene Individualität ausprägen. Die unendliche
Vielfalt der möglichen Brotvarianten ist das beste Indiz für
die ungeheure Anpassungsfähigkeit der Idee des Brotes. Kulturell
gesehen ist Brot eine der größten Errungenschaften, in seiner
Vielfalt und Variationsfähigkeit einmalig in seiner Stellung
für den Menschen, Lebensmittel zentral und bis tief ins Religiöse
verankert: "Unser täglich Brot gib uns heute".
Konstantin Meßmer folgert zurecht: "Brot ist also die Frucht,
die aus der Hand des Bäckers entsteht". Der Bäcker ist insofern
sehr viel mehr dem Bauern verwandt als dem Schmied. Erster leitet
die Natur damit diese etwas angelegtes hervorbringt, der Zweite
ist Former, da geschieht nichts von alleine.
Aber Vorsicht, man kann Backwaren auch ganz anders herstellen.
Allerlei Zusatzstoffe verwenden, den Trieb mit Carbonaten bewerkstelligen,
die Produkte technisch standardisieren, nur mehr aufgebackene
Frostlinge einsetzen, extrem kurze Hefeführungen bei hohen Hefedosagen
realisieren, "Sauerteigbrote" mit dem Zusatz von organischen
Säuren und Hefe herstellen etc. Auch das sind Wege zu Backwaren,
doch geht es hier nicht darum, aus dem Rohstoff heraus einen
Werdeprozess zu ermöglichen, sondern um das Erfüllen gegebener
Produktbilder mit fast allen Mitteln. Das Produkt muss die Illusion
vermitteln als "wäre es ein Sauerteigbrot" oder ein "frisches
Hörnchen". Ein Ansatz, der leider sehr modern ist.
Nicht nur die Herstellung von Backwaren eignet sich als Beispiel
und zukünftiges Übungsfeld für "entwickelnde Verarbeitung".
Viele andere Lebensmittel werden mit Hilfe von Mikroorganismen
fermentiert man denke an Milchprodukte, Gemüse, aber auch Fleisch
und Wurstwaren, Wein etc. Bei diesen Lebensmitteln gibt es ähnliche
Möglichkeiten der "Verwandlung" wie am Beispiel Brot verdeutlicht
wurde. Eine andere Ausrichtung ist möglich durch das gezielte
Nutzen und Steuern von physiologischen Prozessen. Bei Getreide
und anderen Samen kann man am ganzen Korn schon sehr viel in
Bewegung bringen allein durch Wärme und Feuchtigkeit,
es entstehen ganz neue Produkte bzw. Zutaten. Viele weitere
Beispiele wie z.B. Teefermentation, Fleischreifung etc. beruhen
darauf. Entwickelnde Verarbeitung beschränkt sich jedoch keineswegs
auf die biotechnologischen Prozesse. Gerade auch Produkte, die
vielfältig zusammengestellt werden, bieten Möglichkeiten
aus den Rohstoffen etwas "Schönes" auf einer neuen Entwicklungsstufe
zu schaffen. Hier wirkt der Mensch als Gestalter fast wie im
künstlerischen Sinne. Das Produkt erlangt in Aufbau, Form, Aussehen,
Geschmack und Geruch und in Bezug auf die Kombination der Fähigkeiten
der Zutaten eine Harmonie, die dem Esser ein harmonischen Gesamteindruck
vermittelt.
Es ist eine Chance, Lebensmittelherstellung weniger als technischen
Formprozess vom Ergebnis her, sondern vielmehr als Prozess des
Modellierens von "Naturvorgängen", von in den Lebensmitteln
angelegten Fähigkeiten zu begreifen. Dann kann auch der Kulturimpuls
auf einem möglicherweise künstlerischen Niveau hinzutreten.
Nicht alle, aber viele Lebensmittelherstellungsprozesse lassen
sich so betrachten. Neue Standpunkte schaffen neue Herangehensweisen
und neue Produkte.
Alexander Beck in Ernährungs-Rundbrief 115, 3.Quartal
2000
Literatur:
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